Wir sind eine (Tafel-)Familie

Gerade in Corona-Zeiten sind viele Menschen auf das ehrenamtliche Engagement anderer angewiesen. Solidarität und Wertschätzung nehmen einen besonderen Stellenwert ein. Manch Gewohntes hat das Virus auf den Kopf gestellt. So erschweren vielerorts Hygiene- und Abstandsregeln oder Infektionsrisiken die Arbeit der Aktiven. Auch die Tafeln im Main-Kinzig-Kreis bekommen dies zu spüren. Wir haben mit Harald Geib, Vorstandsmitglied der Tafel Gelnhausen, gesprochen.

Welche Menschen versorgen sich bei Ihnen in der Tafel Gelnhausen?

Etwas mehr als zehn Prozent der Menschen, die in Deutschland unter der Armutsgrenze leben, ergänzen ihre Versorgung durch die Tafel. In Gelnhausen versorgen wir im Altkreis 1.200 Personen, ein Drittel davon sind Kinder. Unsere Kunden müssen den Nachweis führen, dass sie bedürftig sind. Das sind zum Beispiel Hartz-IV-Empfänger, Menschen mit Grundsicherung, Sozialhilfeempfänger oder Geflüchtete. Das unterscheidet die Tafeln von ähnlichen Organisationen, zum Beispiel Food-Sharing-Gruppen.

Wer ist bei Ihnen hinter den Kulissen aktiv?

Das sind überwiegend ehrenamtliche Helfer, hinzu kommen sieben Angestellte. Sie tragen in der Geschäftsstelle, im Laden oder im Lager täglich die Verantwortung. Man muss sich vorstellen: Wir fahren 27 Touren die Woche mit unseren Fahrzeugen. Hierbei sammeln wir rund sechs Tonnen Lebensmittel ein. Um das alles zu verarbeiten, brauchen wir im Normalbetrieb 250 Leute. Wir sind im Prinzip ein mittelständisches Unternehmen auf ehrenamtlicher Basis.

Sie sprechen vom Normalbetrieb. Seit Corona ist das alles ein wenig anders, oder?

Mehr als 90 Prozent unserer Helferinnen und Helfer sind über sechzig Jahre alt, gehören zur Risikogruppe oder haben Vorerkrankungen. Wir konnten es als Vorstand nicht verantworten, diese Menschen arbeiten zu lassen. Daher haben wir die Tafel Mitte März erst einmal geschlossen. Wir haben aber schnell gesehen, dass wir damit unsere Kunden treffen, die finanziell mit der Krise gar nicht umgehen konnten. Insbesondere Rentner, die keine Grundsicherung bekommen oder auch keine Hilfen beim Sozialamt beantragt haben. Oder auch Alleinerziehende. Daher sind wir schnell dazu übergegangen, den Bedürftigsten unter unseren Kunden wöchentlich einen Lebensmittelkorb zukommen zu lassen. Dieser hat einen Warenwert von 50 bis 80 Euro.

Nun arbeitet die Tafel im reduzierten Betrieb. Was heißt das?

Wir versorgen in der Zwischenzeit wieder alle unsere Kunden. Aber nicht im wöchentlichen Regelbetrieb, sondern im Zwei-Wochen-Rhythmus. Normalerweise arbeiten in unseren Räumlichkeiten 20 Leute gleichzeitig. Doch mit dieser Besetzung könnten wir die Vorgaben zu den Mindestabständen nicht einhalten. Wir wollen das aber gerne wieder forcieren. Denn eines ist klar: Auch für uns hat die Zusammenarbeit eine wichtige Komponente, den sozialen Austausch unter den Mitarbeitern. Wir sind eine Tafelfamilie, das schweißt zusammen.

Haben Sie in der Zeit Unterstützung von außen bekommen?

Viele Menschen haben uns Hilfe angeboten. Das hat uns sehr gefreut. Zum Beispiel Aktive der Jugendorganisationen der diversen Parteien, aber auch Fußballmannschaften aus Freigericht und Gelnhausen-Haitz sowie zahlreiche private Helfer. Das waren insgesamt 100 Leute. Durch diese Hilfe konnten wir den Kreis der Empfänger mit unseren Lieferungen auf Alleinerziehende ausweiten. Mit diesen neuen Helfern und den Mitgliedern unserer Stammbelegschaft haben wir dann an drei Tage in der Woche Lebensmittel eingesammelt, sortiert, gepackt und ausgeliefert. Auf diese Unterstützung können wir heute noch bauen.

Wie sah die Situation bei den Lebensmittelspendern aus?

Da gab es keine Engpässe. Natürlich haben auch wir kein Toilettenpapier bekommen. Ansonsten hatten wir aber genauso viel Ware wie sonst zur Verfügung. Eher sogar qualitativ hochwertigere Waren, weil viele Menschen im Einzelhandel Produkte der Grundversorgung gekauft haben. Wir fahren 65 Märkte im Umkreis von Gelnhausen an, manche jeden Tag. Da sind alle Handelsketten dabei, aber auch Bäckereien und Tankstellen. Zudem sind wir als Tafel Gelnhausen über die Tafel Hessen in die bundesweite Organisation eingebunden. In Hessen gibt es drei Zentrallager. Dort versorgen wir uns mit lange haltbarer Palettenware von Großkunden, zum Beispiel Rotkraut oder Müsli. In den Märkten hier in der Region bekommen wir frische Ware, die die Märkte nicht mehr verkaufen können.

Was ist da alles dabei?

Das ist allem voran Frischware wie Obst oder Gemüse. Ist in einem Netz Zitronen eine verdorben, reißen wir das Netz auf und sortieren neu. Bei Kühlware nehmen wir mit, was bis zu fünf Tage über Mindestaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Diese Sachen kann man häufig noch lange über dieses Datum hinaus essen. Wir prüfen das und geben die Ware dann raus. In dem vorgepackten Korb können die Kunden auch mal Sachen tauschen. Zum Beispiel Bananen gegen Kohl oder auch mal ein Milchprodukt gegen etwas anderes, wenn es nicht vertragen wird.

Sind auch Waren dabei, die man bei einer Tafel erst einmal nicht erwartet?

In der Tat bekommen wir im Zentrallager auch solche Waren. Zum Beispiel große Tranchen Lippenstift, Eyeliner, Kosmetikprodukte. Das sind natürlich gern genommene Produkte bei unseren Kunden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir bekamen, wie viele Betriebe und Vereine, Unterstützung vom Land Hessen und zahlreichen Spendern. Natürlich fehlen uns Einnahmen, da unsere Kunden nur einen Obolus entrichten und wir davon zurzeit nur die Hälfte einnehmen, während parallel dazu aber unsere Fixkosten weiter auflaufen. Mit der Unterstützung hat das Land unsere Arbeit in den Fokus genommen und damit auch anerkannt. Wir sind dazu da, Menschen grundsätzlich zu unterstützen und sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Allerdings können wir hier nicht staatliche Verantwortung übernehmen. Das hat uns die Krise gezeigt. Kinder bekommen bei Hartz-IV pro Tag einen Satz von 2,92 Euro für die Ernährung. Das reicht vorne und hinten nicht aus, um Kinder gesund zu ernähren. Kindergelderhöhungen werden auf diese Sätze angerechnet. Da kommt also kaum mehr an. Wir sind ja auch Fürsprecher für unsere Kunden. Daher geht es uns darum, für mehr soziale Gerechtigkeit zu werben.

Wissenswertes über die Tafel:

» Die Tafel Gelnhausen hat 1.200 Kunden, darunter 400 Kinder.

» Es gibt 940 Tafeln in Deutschland, 57 in Hessen.

» Bundesweit arbeiten 60.000 Menschen für die Tafeln, davon 90% Ehrenamtliche

» Deutschland hat sich dem Ziel der Vereinten Nationen verpflichtet, die Lebensmittelvernichtung bis 2030 zu halbieren. Aktuell landen pro Kopf und Jahr im Durchschnitt 55 Kilogramm Lebensmittel im Müll.

» Es gibt einige weitere Tafeln im Main-Kinzig-Kreis: in Hanau, Maintal, Bergwinkel. Hinzu kommen andere caritative Einrichtungen in Bad Orb (Gebende Hände) oder Wächtersbach (kirchliche Einrichtung, Essen für alle).