Das Spiel am blauen Tisch

Grün oder blau – das ist hier die Frage. Poolbillardspieler entscheiden sich für letztere Farbe. Die Tische, auf denen sie gegeneinander antreten, sind mit blauem Stoff bezogen. Auf diesem kämpft auch Dario De Prisco aus Gelnhausen mit viel Konzentration, Geschick und Effet um den Sieg.

Es war der israelische Satiriker Ephraim Kishon, der 1987 beim Billard-Weltcup in Berlin die These aufstellte, Schach und Billard seien wesensverwandt. Daher spielten alle Schachprofis in der Freizeit Billard, richtige Billardprofis aber kein Schach – es sei ihnen zu leicht. Eine humoristische These, die Dario De Prisco zumindest teilweise unterschreiben kann. Der Gelnhäuser geht seit rund drei Jahren beim Pool-Billard-Club (PBC) Gelnhausen dem Sport mit den Kugeln und den Queue nach. „Bei beiden Sportarten kommt es auf Konzentration, Ausdauer und Strategie an. Daher spiele ich auch das klassische Brettspiel“, erklärt er. Folgt man Kishon weiter in seinen Ausführungen, verschärfe sich beim Billard allerdings die Anforderung, weil das im Kopf Erdachte mit Akribie auf dem Tisch umgesetzt werden müsse. Gerade die Koordination der Bewegungen von Hand und Augen in Kombination mit dem entsprechenden Schwung und Stand am Tisch ist auch für Dario De Prisco Reiz und Herausforderung zugleich. „Als Rechtshänder ruht meine linke Hand, über die ich dem Queue Führung gebe wie Blei auf dem Tisch“, erklärt er. Die sogenannte Bockhand ist Basis des stabilen Systems. „Meine rechte Hand muss dagegen den Stoß filigran ausführen.“

Mathematisches Verständnis von Vorteil
Glücksstöße – in der Billardart Snooker auch „shot to nothing“ genannt – sind im Spielablauf indes nicht erlaubt. „Alles folgt im Billard einem genauen Plan, den ich mir schon mache, wenn ich an den Tisch herantrete. So muss ich nicht nur anzeigen, welche Kugel ich in welcher Tasche versenken werde. Ich muss mir auch ausrechnen, wo meine weiße Spielkugel liegen bleibt, um so einen günstigen Anknüpfungspunkt für eine ganze Serie von Stößen am Tisch zu haben“, erklärt der Billard-Crack. Das trainiert er mehrmals die Woche im Clubhaus des PBC. Erst wenn eine Ballfolge drei oder vier Mal hintereinander in gleicher Weise abläuft, mag er von einem erfolgreichen Training sprechen.

Starke Jugendarbeit beim PBC
Der Mann von der Kinzig kam erstmals im Urlaub mit dem Sport in Berührung. „Wie es abends halt so ist, wenn man den Urlaubstag ausklingen lässt“, erinnert sich Dario De Prisco. Ein bisschen Inspiration erhielt er zudem von seinem Vater, der ambitioniert die italienische Version eines Billardstils spielt, den man Karambolage nennt. Der junge Sportler selbst fühlt sich mit seinem Hobby bei seinem Verein sehr wohl. „Wir haben viele gute Spieler in unseren Reihen, darunter Profis, die uns in Trainingssessions anleiten und Tipps geben“, freut er sich. So könnten auch „blutige Anfänger“ in einem netten und sportlichen Ambiente schnell Fortschritte zeigen und Erfolge feiern. „Es ist oftmals noch so, dass Billard ein eher verruchtes Image anhaftet“, erklärt der Sportler. Dabei ist Billard in allen seinen Ausprägungen eine Sportart für jedes Alter, für gesunde Menschen ebenso wie für Leute mit Handicap. Und anders als es die Vorurteile vermuten lassen, ist es dabei überhaupt nicht dunklen Hinterzimmern in Spelunken vorbehalten. „Wir sind besonders stolz auf unsere Jugendarbeit. Wir konnten über die letzten Jahre viele Nachwuchsspieler zwischen sechs und 15 Jahren gewinnen und an den Sport heranführen.“ Besonders positiv sei für ihn, dass diese Spielenden nicht mal aus Billard-Familien stammten, sondern größtenteils von außerhalb auf den Verein aufmerksam geworden seien. Zudem könnten junge Menschen mit dem Erlernen von Fokussierung und einem hohen Level an Konzentration aus dem Billardspiel auch positive Dinge mit in den Schulalltag nehmen.

Verschiedene Pool-Billardarten
Dario De Prisco selbst spielt ambitioniert als Amateur in der zweiten Mannschaft des PBC in der Landesliga. Im Mannschaftswettbewerb treten dabei an den Spieltagen immer Teams mit vier Leuten aus zwei Vereinen in mehreren Runden gegeneinander an. Zum Beispiel im klassischen 8-Ball. Hier werden halbe und volle Kugeln auf dem Tisch platziert – eine Laie würde sie teilweise gefärbt oder vollfarbig nennen.. „Der Anstoß, der zum sogenannten Split der Kugeln führt, ist fast schon der wichtigste Stoß. Jeder Spieler hat dafür sogar einen eigenen Queue“, erzählt der Fachmann. Im besten Fall versenkt der Spieler dabei eine der halben oder vollen Kugeln und platziert die weiße Kugel optimal für den nächsten Stoß. Die Teams müssen dann nacheinander die einzelnen nummerierten Kugeln in die insgesamt sechs Taschen des Billardtisches spielen. Zum 8-Ball kommen die Varianten 9-Ball, 10-Ball und Straight Pool 14+1 dazu. Die beiden letzten Versionen sind die Steckenpferde von Dario De Prisco. Wie viel Akribie im Spiel steckt, merkt man auch am Aufbau der Kugeln auf dem Tisch. Die bekannten Plastikdreiecke, die die Kugeln vor dem Anstoß zusammenhielten und während des Spiels meistens an der Lampe über dem Tisch baumelten, gibt es nicht mehr. Mittlerweile verwenden die Spieler Folien, die eine akkuratere Aufstellung der Kugeln ermöglichen. Zudem steckt viel Detailliebe im Spielmaterial. „Waren die Queues früher aus Holz, bestehen sie heute aus Carbon. Einsteiger müssen dabei mit 100 bis 200 Euro für ein eigenes Modell rechnen. Ambitionierte Spieler verschiedene Modelle beim Spiel dabei, um je nach Situation wechseln zu können – fast wie beim Golf.

Beruf und Sport miteinander vereinen
„Ich lebe sehr gerne im Main-Kinzig-Kreis. Mir gefällt die Region und ihre Menschen“, erklärt Dario De Prisco. Und der junge Gelnhäuser ist froh, dass sich sein Beruf und der Sport zeitlich gut miteinander vereinbaren lassen. „Wir können im Clubhaus frei trainieren, zu allen möglichen Tageszeiten. Da kann man sich die Zeit sehr gut einteilen“, so Dario De Prisco. Die Spieltage finden meistens ohnehin am Wochenende statt. Dabei kommen die Damen und Herren des PBC ganz schön rum in Hessen: Darmstadt, Limburg, Fulda umreißen die Gruppe in der entsprechenden Landesliga. Profiambitionen habe er indes nicht, erklärt der junge Mann. Die Gunst, mit dem Sport Geld zu verdienen, sei wenigen in der Weltspitze vorbehalten.